Versuch einer Erklärung

 

 

                       

          

                    

    

                 

 

Dem Svennie ging es bereits ab Januar 2007 zunehmend schlechter. Wenn man tagtäglich eng zusammenlebt, fällt es nicht so auf, aber wenn ich mir Svennies Eintragungen hier von Januar bis heute durchlese, ist die Tendenz eindeutig negativ. Sven bekam ja in Ermangelung anderer Behandlungsmöglichkeiten wieder seine 3-4-wöchentliche Ration Cortison, und zwar nur ein ganz bestimmtes, alles andere wirkte bei ihm nicht. Im Januar 2007 bin ich zum ersten Mal zum Diabetes-Test mit ihm in der Klinik gewesen. Der stellte sich als negativ heraus, aber ich bin bis heute davon überzeugt, dass das Labor da einen Fehler gemacht hat. Ich habe fast 25 Jahre Katzenerfahrung und lasse  nicht aus Jux und Dollerei so einen Test machen. Jedenfalls habe ich ihn einige Wochen später, im März, wiederholen lassen, und er war positiv. Ich will an dieser Stelle nicht auf die Werte im Einzelnen eingehen, sondern nur einen Überblick verschaffen. Das hieß: Svennie durfte kein Cortison mehr bekommen oder ich müsste eine Gratwanderung machen und ihn einstellen auf Cortision + Insulin.

Ich entschied mich für Letzteres. Zunächst mal mussten aber die hohen Werte runter, also Insulin spritzen. Ich habe das Messgerät gekauft, das auf dem Markt als einziges als einigermaßen verlässlich gilt und habe versucht, Blut aus Svennies Ohren zu kriegen. Es war nicht möglich! Das hab ich noch nicht erlebt. Weder mit dem Picker noch mit der Klinge oder Skalpell. Er lag ganz ruhig auf meinen Knien und dachte wahrscheinlich „Laß die Alte nur“ und ich habe gedacht, ich kriege es einfach nicht geregelt, aber dann habe ich mir die anderen Katzen geschnappt und es ging perfekt und so langsam kam mir der Gedanke, dass es nicht an mir, sondern vielleicht doch ein bisschen an Svennies Physiologie lag. Er gab mir höchstens mal ein klitzekleines Pünktchen Blut, das natürlich nicht ausreichte. Ich konnte aber auch nicht jeden Tag zur Tierklinik fahren und ein Blutbild machen lassen. Wir haben deshalb die Dosis runtergeschraubt bis auf ein Minimum und ich bin zwei Mal pro Woche zu Svennies Frau Lieblingsdoktor gefahren, davon ein Mal zum Blutabnehmen. Nach 14 Tagen war der Spuk vorbei.

Dann standen wir da mit einem von den Werten her gesunden Svennie mit einem Restcortison im Körper, das nicht mehr ausreichte, um heilend zu wirken und dem Wissen, dass er genau dieses Cortison nicht mehr bekommen können wird. Er hat also ein anderes Cortison erhalten, eines, das nicht so diabetigene Auswirkungen hat. Es half immer drei Tage lang. Zusätzlich bekam er das neue Langzeitantibiotika Convenia. Immerhin hat das wegen seines neuen Wirkstoffes, den Svennies Körper noch nicht kannte, einigermaßen angeschlagen. Seitdem war ich wie blöd weltweit auf der Suche nach anderen Behandlungsmöglichkeiten. Aber es gibt keine. Svennie hatte alles durch, was die Medizin bei dieser Krankheit als Behandlungsmethode kennt, einschließlich Homöopathie. 

Svennie fing an zu sabbern und zu schnattern, also mit dem Unterkiefer zu klappern. Ansonsten war er nicht eingeschränkt. Er muss mit der Zeit eine enorme Schmerztoleranz bekommen haben.  Er brachte uns viele Mäuse, die er mit den Eckzähnen griff –ansonsten war er ja zahnlos- in die Wohnküche. Manche Mäuse waren breiter als sein kleines Gesicht. In der Regel waren sie nicht tot. Und Svennie war immer so stolz und musste uns das mitteilen; deshalb hat er die Mäuse dann losgelassen. Manche Mäuse sind aber direkt am Herzschlag gestorben, die hat er trotz seines entzündeten Mäulchens aufgegessen! Zack, Kopf ab, runterschlucken, Seitenteile auf dem Zahnfleischkamm kauen, sogar die Niere hat er aussortiert und den Schwanz übrig gelassen. Im Mai ging es weiter bergab, nachdem Ende April der Klinikchef Dr. Döring sich darüber gewundert hatte, dass Sven noch lebt. Zwei Wochen später  war ich wieder in der Klinik bei Svennies Frau Lieblingsdoktor Dr. Barbara Arnholz, der diesmal spontan die Tränen kamen, als sie ihn sah. Da wurde mir schon ganz anders. Wir haben noch einen letzten Versuch gemacht mit Atopica. Das ist ein neues Medikament gegen Dermatitis, aber nur zugelassen für Hunde. Es soll hervorragend wirken; es hat die Eigenschaften von Cortison, ohne dessen Nebenwirkungen zu haben. 15 Tabletten kosten 204 Euro. Der Haken bei dem Atopica ist, dass es bis zur vier Wochen braucht, bis die Wirkung einsetzt, und die Zeit hatten wir nicht mehr.

Svennie konnte kein Katzenfutter mehr essen, es war zu scharf. Ich konnte ihm nur noch rohes Hähnchengeschnetzteltes in ganz kleinen Stückchen geben, wenn ich ihn auf den Knien liegen hatte und das Fleisch in einem ganz bestimmten Winkel an seinen Mund hielt, so dass er nicht mit der Zunge drankam. Die Zunge war letztlich der entscheidende Faktor, nicht mehr der Rachen, wie zu Beginn. Der Rachen war eigenartigerweise vernarbt und einigermaßen ausgeheilt! Das Virus hatte sich auf die Zunge verlagert, wo es anfangs nicht war. Die Hälfte seiner Zunge war voller Bläschen. Barbara hat gesagt, in 19 Jahren Berufserfahrung hätte sie nicht einen Fall gehabt, der so schlimm war und vor allem so therapieresistent. Er konnte nicht mehr trinken, weil er seine Zunge nicht mehr so formen konnte, dass er Wasser aufnehmen konnte, das tat weh. Nach Schmerzmittelspritze und viel gutem Zureden hat er dann doch immer getrunken, aber das konnte  ja kein Dauerzustand sein. Svennie nahm immer mehr ab. Ich hatte ihn von der Katzenhilfe mitgenommen mit 1,6 Kilo, er ist blitzschnell „explodiert“ auf 3,2 Kilo und wog die letzten beiden Jahre kontinuierlich 4,5 Kilo. Plötzlich waren es nur noch 3,7 Kilo. Beim nächsten Klinikbesuch 3,2 Kilo. Beim Wiegen zuhause 2,8 Kilo. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn stationär in die Klink legen soll, weil er doch so sehr auf mich fixiert war. Aber zuhause würde er mir verhungern und verdursten. Der Hintergedanke war, dass das Atopica demnächst wirkt. Bis dahin sollte er Infusionen bekommen.

Also habe ich ihn in die Klinik gebracht. Svennie hatte quasi ein Einzelzimmer, die anderen Betten waren nicht belegt, und ich konnte mich dort aufhalten, solange ich wollte. Und ich habe schnell gemerkt, dass er die Ruhe auch brauchte und wollte. Am 18. Juni hatte ich plötzlich das dringende Bedürfnis, den Sven aus der Klinik abzuholen – warum, weiß ich nicht. Das habe ich am 19. auch getan. Barbara hat gar nicht groß nachgefragt oder protestiert, es war, als müsste es so sein. Die Braunüle kam raus, und Svennie wieder zu seinen Kumpels. Er war sehr schwach und wackelig und kippte dauernd fast um.  Er sollte nicht raus gehen, sonst würde er wieder verschwinden zu seinem Freund das Pferd und da findet man ihn immer nicht. Wir haben also alle Eingänge und Katzenklappen verriegelt und verrammelt. Das ist bei uns schwierig, weil die Plexiglas-Schwingtüren teilweise durch Prügeleien kaputt sind und sich nicht mehr sichern lassen. Dummerweise sind die Katzenklappen aber in den Beton eingearbeitet, so dass man sie auch nicht einfach so austauschen kann. Jedenfalls stand aus diesem Grund vor der Klappe, die zur Terrasse führt, eine ca. 30 Kilo schwere Kiste mit Computer-Festplatten, die wir zu zweit kaum da hingekriegt haben. Am Mittwoch um sieben Uhr kam Svennie zu mir ins Bett und weckte mich. Dann ging er wieder. Als ich eine halbe Stunde später aufgestanden bin, war er nicht mehr da. Der schwere Karton mit den Festplatten muss mit den vereinten Kräften der anderen Katzen beiseite geschoben worden sein, anders kann ich mir das nicht erklären.

 Svennie war gegangen.

Ich brauche wohl kaum schreiben, wie sehr wir ihn gesucht haben. Jeden Quadratzentimeter Boden im Umkreis von einem Kilometer habe ich umgedreht. Keine Spur von Sven. Nicht in Kellern, nicht in Scheunen, nicht bei seinem Freund, das Pferd, das übrigens ein wild lebender Hengst ist, der ordentlich was dagegen hatte, dass ich seine Koppel betrete und absuche. Nicht in Feldern, unter Büschen, unter Holzstößen, wir haben ALLES abgesucht. Ich vermute, er ist ganz in unserer Nähe. Er wird sich einfach Schlafen gelegt haben und wird in ein Nierenkoma gefallen sein, sagt seine Frau Lieblingsdoktor. Er hatte keine Schmerzen. Ich würde ihn nur gerne bei meinen  anderen Regenbogen-Katzen im Wald beerdigen, deshalb suche ich jetzt noch weiter. Er bekommt aber auch einen virtuellen Platz im Regenbogenland, den richte ich gerade ein.

 

Ich danke allen, die sich so sehr für Svennie und seine Geschichte interessiert haben. Sven war sicher nicht der schönste Kater der Welt, aber er hatte etwas Wunderbares, Einzigartiges, was die Menschen in seinen Bann zog. Das funktionierte sogar per Bild im Internet. Wer ihn persönlich kannte, kam manchmal nicht zu mir, um mich zu besuchen, sondern um mit ihm zu spielen und zu schmusen. Er wurde in der Natur gefunden und dorthin ist er wieder zurückgegangen. Der Kreis der Natur hat sich damit geschlossen, ich denke, es ist richtig so.